Bürgerrechte und die lieben Kinder

Glaubt ihr wirklich, konservativen Politikern geht es bei der Debatte um den Zugang zu sozialen Medien um den Schutz von Kindern und Jugendlichen? Ich nämlich nicht. Machen wir doch mal einen gemütlichen Bummel durch die Fakten...

1926 meinten konservative Politiker (Zentrum), dass Groschenromane und Kriminalromane die sittliche Festigung von Kindern und Jugendlichen gefährden würden. Die Indexliste verbotener Literatur galt dabei schon wegen der Auflistung der Titel als gefährlich und war selbst indiziert.

Im gleichen Jahrzehnt gab es verschiedene politische Anläufe von Konservativen, Jugendlichen den Zutritt zu Kinos zu verwehren, da man Filme verdummend und moralisch zersetzend fand.

In den 50er und 60er Jahren forderten Konservative zum Schutz von Kindern und Jugendlichen Verkaufsverbote für Comics wie Mickey Maus, als Gefahr für die deutsche Sprachkultur, die Rede war vom „Opium für die Kinderstube“.

Gerne warnten Konservative auch davor, dass sog. N…rmusik aufgrund ihrer „primitiven Rhytmik“ Kinder und Jugendliche in sexuelle Extase versetzen könnte. Vereinzelt gab es polizeiliches Vorgehen gegen entsprechende Musikveranstaltungen. Die ersten deutschen Beatles Konzerte nannten Konservative eine soziale Bedrohung.

In den 70er Jahren wollten Konservative Sexualaufklärung in den Schulen verhindern, damit einhergehend wünschte man sich ein Verbot dafür, Masturbation oder Homosexualität auch nur neutral darzustellen, geschweige denn in irgend einer Form positiv, schließlich ginge es um den Schutz kindlicher Unschuld…auch bei fast erwachsenen Jugendlichen wohlgemerkt.

In den 80er Jahren forderten Konservative das Privatfernsehen wegen Sittenverfalls zu verbieten bzw. Sender aus dem Ausland technisch zu blockieren (Kontext: RTL ist sendete damals aus Luxemburg).

Auch verschärfte die Union das Strafrecht, um die Verbreitung sog. gewaltverherrlichender Filme einzuschränken, zumeist Werke, über die man sich heutzutage schlapplacht. Grund war der Angst vor Verrohung im Allgemeinen aber auch, dass Jugendliche, das was sie sehen stumpf nachmachen.

Im Rahmen der sog. „Satanic Panic“ trieben es deutsche Konservative nicht ganz so wild, wie die in anderen Ländern aber es blieb wild genug. Die Angst vor sog. Pen&Paper Rollenspielen ging um. Kirchenvertreter sorgten sich darum, dass die eher harmlosen Spiele, in welchen Spieler die Rollen von Figuren in einem Fantasy Setting übernehmen, ein Einstieg in okkulte Praktiken wäre. Neben diesem Argument bespielten konservative Politiker die Sorge, das Hineinversetzen in andere Rollen wäre eine Gefahr für die Identitätsentwicklung von Kindern. Heute weiß man, es ist eher das Gegenteil der Fall und Rollenspiele in diversen Formen sind ein fester Bestandteil von Bildungsangeboten, egal ob für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene wie auch von einigen psychotherapeutischen Ansätzen.

(Die exakt gleichen Argumente finden sich interessanterweise 40 Jahre später übrigens auch gegenüber der Harry Potter Buch- und Filmreihe.)

Heavy Metal nannten konservative Politiker in den 80er Jahren akustisches Gift. Sie sahen in der Ästhetik (Pentagramme, Totenköpfe, Nieten) eine Gefahr für die moralische Entwicklung. Das Tragen bestimmter Band-Shirts wurde an Schulen oft verboten, mit dem Verweis auf den Schutz der Mitschüler und die Aufrechterhaltung des Schulfriedens. Konzertveranstaltungen entsprechender Bands wurden behördlich massiv schikaniert. Wie auch Pen&Paper Rollenspiele galt Konservativen Heavy Metal als Einstieg in den Satanismus.

In den 90er Jahren mit dem Aufkommen von Raves galten diese Konservativen öffentliches Ärgernis, leisteten dem Sittenverfall Vorschub und würden zum Drogenkonsum verführen. Gerne hätte man viel in dem Bereich verboten, natürlich um Kinder und Jugendliche zu schützen. Konkrete Maßnahmen gab es abseits einzelner kommunaler Ordnungsmaßnahmen bundesweit nicht, da die entsprechende elektronische Musik sehr schnell Mainstream wurde.

Auch in den 90er Jahren fürchteten einige Politiker bezüglich Handheld Geräten wie dem Gameboy, dass Kinder durch das starre Starren auf kleine Bildschirme den Kontakt zur realen Welt, zu Freunden und zur Natur verlieren. Der Gameboy wurde als „sozialer Isolator“ dargestellt, der das gemeinsame Spielen durch ein vereinzeltes, reizüberflutetes Erleben ersetzt.

Beginnend in den 90ern und im Folgejahrzehnt befeuerten Konservative dann die sog. Killerspieldebatte. Der Vorwurf war, dass Kinder und Jugendliche mit sog. Egoshootern oder ähnlich gewalthaltigen Spielen das Töten regelrecht trainieren würden und diese Spiele so Ursache von Amokläufen würden. Es war auch Ausdruck der Hilflosigkeit im Umgang mit Amokläufen an Schulen, die es in dieser Zeit leider öfter gab und schuf für Konservative eine Art politische Ersatzhandlung. Die Debatte erstarb mit der zunehmenden Verbreitung von Computerspielen durch alle Altersschichten.

Immer und immer wieder die gleichen Muster, vom „Schmutz und Schund“-Gesetz der 1920er bis zu den heutigen Debatten um Drag-Lesungen oder TikTok –, erkennt man ein immer gleiches methodisches Instrumentarium.

Politiker nutzen den Kinderschutz nicht nur als Sachargument, sondern als eiskaltes strategisches Werkzeug.

 

Hier sind die sechs methodischen Gemeinsamkeiten:

1. Die „Moral Panic“ als Mobilisierungs-Motor

Methodisch wird fast immer eine moralische Panik künstlich erzeugt oder verstärkt. Ein neues Phänomen (Heavy Metal, Gaming, Harry Potter) wird aus seinem Kontext gerissen und als existenzielle Bedrohung für die gesamte nächste Generation dargestellt. Der Mechanismus: Ein Einzelfall (z. B. ein Suizid eines D&D-Spielers) wird zur Regel erklärt. Es entsteht ein Klima der Angst, das schnelles politisches Handeln (Verbote) legitimieren soll.

2. Der „Innocence-Shield“ (Schild der Unschuld)

Das Kind wird als ein völlig passives, schutzloses und „reines“ Wesen konstruiert. Die politische Methode: Wer das Kind als tabula rasa (unbeschriebenes Blatt) definiert, kann jede Form von moderner Kultur als „Verschmutzung“ oder „Indoktrination“ brandmarken. Der strategische Vorteil: Wer „für die Kinder“ spricht, besetzt die moralische Höherstellung. Kritik an der Verbotsforderung wird dadurch automatisch als „kinderfeindlich“ oder „verantwortungslos“ diskreditiert.

3. Kausale Kurzschlüsse (Monokausalität)

Politisch wird eine extrem vereinfachte Ursache-Wirkungs-Kette behauptet, die wissenschaftlich meist nicht haltbar ist, z.B.:

  • Comic lesen > Leseschwäche > Kriminalität

  • Heavy Metal hören > Satanismus > Suizid

  • Killerspiele spielen > Amoklauf

Das Ziel: Komplizierte gesellschaftliche Probleme (wie psychische Krankheiten, soziale Isolation oder Bildungsnotstand) werden auf ein einzelnes, verbietbares/regulierbares Medium projiziert. Das bietet der Politik die Chance auf Aktionismus, ohne die schwierigen Grundprobleme lösen zu müssen.

4. Der Kampf um die Erziehungshoheit

Hinter dem Begriff Kinderschutz verbirgt sich methodisch oft der Versuch, das staatliche oder elterliche Gewaltmonopol über die Moral zurückzugewinnen. Jede neue Subkultur bietet Jugendlichen einen Raum, der sich der Kontrolle der Erwachsenen entzieht. Die Methode: Durch Verbote (Indizierung, Altersbeschränkung, Verkaufsverbot) soll die „Deutungshoheit“ darüber zurückgeholt werden, was ein „guter“ oder „normaler“ junger Mensch ist.

5. Das „Dammbruch-Argument“ (Slippery Slope)

Es wird behauptet, dass eine kleine Liberalisierung unweigerlich in die Katastrophe führt. Beispiel: „Wenn wir erlauben, dass über Homosexualität im Unterricht gesprochen wird (Sexualkunde-Debatte), dann wird bald die traditionelle Familie abgeschafft.“Diese Methode dient dazu, jegliche Reform im Keim zu ersticken, indem man ein düsteres Zukunftsszenario malt, in dem die Kinder die Leidtragenden sind.

6. Externalisierung des „Bösen“

Das Bedrohliche kommt in der konservativen Argumentation methodisch fast immer von außen (oft aus den USA oder aus „subkulturellen Milieus“) und korrumpiert die „heimische“ Jugend. In den 50ern war es der „amerikanische Ungeist“ (Rock ’n’ Roll).In den 80ern waren es „okkulte Kulte“. Heute ist es oft die „woke Ideologie“. Die Funktion: Man schafft ein Feindbild, gegen das man die Jugend „verteidigen“ muss, was die eigene Anhängerschaft zusammenschweißt.

Fazit 1: Kinderschutz als „Trojanisches Pferd“

Fazit 2: Es ist in der Rückschau betrachtet eigentlich immer Bullshit

 

Hier und heute

Und jetzt kommen sie um die Ecke und behaupten, sie wollen Kinder und Jugendliche vor den sozialen Netzwerken schützen. Gehen wir die Punkte mal durch:

  1. Neben allerlei harmlosen Kram stolpern Kinder und Jugendliche auch immer wieder über politische Inhalte

  2. Kinder sollten eine geschützte Kindheit haben

  3. Soziale Medien benutzen > Radikalisierung, Entsozialisierung

  4. Eltern wissen ja gar nicht, was ihre Kinder da machen, Politik muss einspringen

  5. Die Probleme mit Jugendlichen werden immer größer werden (der Vorwurf kommt ja irgendwie immer)

  6. Chefs sozialer Netzwerke agieren quasi wie James Bond Bösewichte…mindestens und niemand kann sie aufhalten, außer uns natürlich

 

„Lustigerweise“ geht es am Ende dabei nicht mal um Kinder. Die Auswirkungen einer Altersbeschränkung für soziale Medien wären für Erwachsene erheblich größer als für die angeblich adressierten Kinder und Jugendlichen. Es ist die Klarnamenpflicht durch die Hintertür und ein erste Schritt in Richtung Vorratsdatenspeicherung, ein Weg der Regierung, sich an Verfassungsfragen, unliebsamen Gerichten und demokratischem Widerstand vorbeizumogeln.

 

Wir sollten ihnen das nicht erlauben!

 

(Transparenzhinweis: Recherche und einzelne Textteile sowie die Zusammenfassung der Methodik Google Gemini.)